Als wir zum Surfen noch ans Meer gefahren sind

Wieder ein Buch zum Thema Internet, aber mal ein wenig aus der nostalgischen Sichtweise. Wie war noch gleich das Leben vorm Internet, was haben wir eigentlich den ganzen Tag so getrieben. Der Autor Boris Hänßler nimmt uns ein wenig mit in seine eigene Vergangenheit und schlägt die Brücke zwischen damals und heute. Diese Buchkritik soll klären, ob wirklich alles schlechte wurde oder ob es durchaus auch einige Fortschritte gab, die sich in der digitalen Zeit gelohnt haben.

Zum Autor Boris Hänßler

Der 1973 in Bühl geborene Boris Hänßler arbeitet seit 2006 als Technikjournalist und schreibt vor allem über den Einfluss der modernen Technik auf die Gesellschaft. Unter anderem für Süddeutsche Zeitung, brand eins und weitere Zeitschriften.

Sein Studium der vergleichenden Literaturwissenschaften verbrachte er in Bonn und Combria, Portugal. Während der 90er arbeitete er als digital worker in diversen Online-Bereichen. Sein Erstlingswerk erschien im Mai 2016 und ist das hier im Beitrag besprochene Buch.

Er lebt mit seiner Lebensgefährtin und seinen vier Kindern in Bonn.

Inhalt als wir zum Surfen noch ans Meer fuhren

Auf 272 Seiten erzählt Hänßler in den unterschiedlichsten Kapiteln teils autobiografisch aus seinem Leben vor dem Internet und vergleicht die damaligen Verhaltensweisen mit der heutigen Änderung durch das Internet und die modernen Medien. Wie war das Leben vor der Existenz von Navigationsgeräten und wie kam man eigentlich mit Straßenkarten klar. Wie verhielt man sich als Teenager mit nur einem Festnetzanschluß (und damit ist ein Telefon gemeint) und wie lernten sich Liebespaare vor Tinder kennen. Zumal wird die Geschichte von der guten alten Schallplatte über die Musikkasette  zur CD bis zur großen Disruption durch MP3 und Napster erzählt. Handgeschriebene Briefe waren normal und Hotels buchte man entweder über ein Reisebüro oder direkt vor Ort, es gab damals noch kein Google Streetmap oder Bewertungsportale. Er erinnert sich auch an sein erstes episches Computerspiel, ein Adventure, das über mehrere Tage intensivst gespielt wurde und vergleicht es mit dem Spielen von Kindern in den Wäldern und auf den Straßen, etwas was der Nachwuchs von Helikoptereltern heutzutage nur sehr leidlich kennt.

Buchkritik und Besprechung

Mal lustig, mal nachdenklich und durchaus komisch beschreibt Hänßler die einzelnen Situationen. Gerade wenn er darüber schwelgt: „damals hieß das Navigationsgerät noch Beifahrer und hatte eine Straßenkarte in der Hand.“ Genüßlich beschreibt er wie die Karten beim Falten immer wieder zerissen wurden, wie ständig im falschen Planquadrat gesucht wurde und wenn man erstmal nicht mehr wusste, wo man sich befand, war man faktisch verloren. Gleichzeitig geht es in der heutigen Zeit immer schneller, genauer und vor allem auf Zuruf zum Smartphone, welches man eh in der Tasche mit sich herumträgt. Für Menschen die vor 1990 geboren wurden, durchaus eine witzige Geschichte, die zumindest mir einige unangenehme Erinnerungen zurückbrachte. Wer kannte sie nicht, die epischen Urlaubsfahrten ins gelobte Land Italien in den 80ern, bei denen man immer für ein bis zwei Stunden vom Weg abkam.  Leider zeigt Hänßler zwar hierbei die Vorzüge der modernen Technik auf, setzt aber zu keiner grundsätzlichen Kritik an.

Zu wenig Tiefgang

Dieser fehlende Tiefgang zieht sich übers gesamte Buch hinweg und wenn Kritik laut wird, dann eher über die sich wandelnde Gesellschaft. Wie geht man heute überhaupt mit Langeweile um, gibt es echten Müßiggang und kann man Ruhe überhaupt noch wahrnehmen und genießen? Das Datenkraken umsich greifen, ganze Volkswirtschaften bedroht sind und die Digitalisierung unser sein bis ins Mark erschüttert kommt leider nicht vor.  Wer einen größeren Überblick über diese Themen haben möchte, sollte sich die Buchbesprechungen zu Silicon Valley und Silicon Germany durchlesen. Wer ganz tief in die Materie einsteigt, sollte „Wer bin ich, wenn ich online bin…“ durchlesen.

Einen Vorwurf kann man dem Autor für den fehlenden Tiefgang nicht machen, da er sich eindeutig auf den nostalgischen Teil beschränkt. Der Lerneffekt ist dementsprechend gering, wenn man selbst in dieser Zeit aufwuchs. Es ist vielmehr eine Zeitreise in die eigene Vergangenheit und ich hatte während der Lektüre durchaus den einen oder anderen Flashback. Wer kennt es nicht, wenn man mal in Ruhe mit seiner Freundin, zukünftigen Freundin oder einfach nur Angebeteten telefonieren wollte. Meist stand das Telefon auch noch im Wohnzimmer und die Geschwister samt Eltern waren zu unwillig um einen auch nur ein wenig Privatspähre zu gewähren.

Im Zuge meiner normalen Literatur, die sich vor allem mit Business und Online beschäftigt, war es eine angenehme Abwechslung, sozusagen ein Zwischending zu Romanen und härteren Ratgebern. Da ich noch nichts direkt in der Art gelesen hatte, fand ich eine gewisse Berechtigung für das Buch. Auf Dauer reicht dieses eine Buch zum Thema aber auch und ich würde mir jetzt keine weiteren Teile von Hänßler kaufen. Um ehrlich zu sein, ich tendiere dazu noch einige Beiträge in Zeitungen von ihm zu lesen und mir dann erst ein abschließendes Urteil zum Autor abzugeben. Vielleicht fühlte sich die Lektüre auch nur ein wenig zu sehr nach dem Lesen eines Tagebuchs an, dass eben genau die Übergangszeit zwischen analogen und digitalen Zeitalter beschrieb.

Wer sollte es lesen?

Für Kinder der späten 70er und der frühen 80er ist das Buch geschrieben und innerhalb dieser biografischen Daten kann ich es auch guten Gewissens weiterempfehlen. Ich münze es auch eher auf eine männliche Leserschaft, deren Leben sich mit dem digitalen Zeitalter mehr veränderte. Bei genauerer Überlegung, wäre vielleicht sogar noch Platz für ein Buch über eben jene Veränderung im gleichen Stil aus weiblicher Sicht. Nicht zuletzt das enorme Onlineshopping, Social Media und Informationsbeschaffung zu Klatsch & Tratsch haben auch in deren Leben tiefe Spuren hinterlassen. Die länge der einzelnen Kapitel bietet die Chance zu einer sehr guten Nachttisch-Lektüre, da die damit verbundenen Erinnerungen zu sehr geschichtsträchtigen Träumen animieren. Wissbegierige Leser zum Thema Internet und Online sollten sich auf die anderen schon erwähnten Bücher verlassen und zunächst dort recherchieren.

Wo bekomme ich das Buch her?

Ich habe mein Expemplar aus dem stationären Buchhandel für 9.99 € bezogen. Der Titel sprach mich direkt an und auch ohne Klappentext landete es an der Kasse. Der geneigte Onliner, kann es sich aber auch gerne direkt über folgenden Amazonlink bestellen.

Als wir zum Surven noch ans Meer gefahren sind – Amazon

Ob es schon ein Hörbuch gibt, weiß ich leider gar nicht.

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