Silicon Germany

Nachdem ich schon Silicon Valley gelesen hatte, habe ich nun den Nachfolger Silicon Germany von Christoph Keese durchgelesen. Erschienen ist das Buch im Knaus Verlag. Unter anderem soll die Frage beantwortet werden, ob sich Silicon Germany überhaupt noch lohnt, wenn man schon Silicon Valley gelesen hat.

Silicon Germany Inhalt

Das Buch beschäftigt sich mit dem Istzustand der deutschen Wirtschaft in Bezug auf Digitalisierung Stand 2016. Unter wird der Leser an ganz konkreten Beispielen herangeführt, was auf den ersten Blick in Deutschland falsch zu laufen scheint. Unter anderem sind diese Beispiele folgende:

  • Mähroboter der Firma Bosch
  • deutsche Automobile und ihre Navigationsgeräte
  • Therme für die eigene Wohnung

Im Anschluss an die Beispiele wird das Handeln der Firmen nachvollzogen und mit Interviewpartnern besprochen, da der Autor direkt aus seinen eigenen Erfahrungen schöpfen kann. Der Mähroboter ist kompliziert im Aufbau, die Anleitung ist schwer verständlich und als er endlich läuft, bekommt man die Handysteuerung nicht in Gang. Letztendlich stürzt er sich auch noch die Kellertreppe hinab. Ähnlich geht es mit den Navigationsgeräten der Kraftfahrzeuge, die technisch sehr weit hinter jedem durchschnittlichen Smartphone liegen: „Jeder Saugnapf in einem Auto steht für ein Produktversagen.“

In der Folge wird das deutsche Ingenieurswesen analysiert und anschaulich erklärt, zudem wird der unterschied zwischen horizontalen und vertikalen Netzwerken definiert.  Ein weiteres Kapitel erzählt, warum es auch Spezialisten geben muss und welche Konsequenzen es für ein Produkt mit sich bringt. Schließlich geht es noch um die deutsche Wirtschaft und ihr Verhältnis zum Wagniskapital.

Silicon Germany Buchkritik

Nach Silicon Valley war ich heiß auf den Nachfolger und hörte es mir über audible an, da ich es dort als Hörbuch günstiger bekam. Ich war gespannt ob es weitere treffende Analysen zum deutschen Markt geben würde, oder ob es sich um einen Abklatsch des ersten Teils handelte. Ich kann an dieser Stelle schon sagen, dass es sich wirklich um ein eigenständiges Buch handelt, das gerade für die deutsche Wirtschaft ein Augenöffner sein sollte.

Zu Beginn dachte ich noch, dass jetzt aber hart mit einzelnen Firmen ins Gericht gezogen wird, gerade bei der Besprechung des Mähroboters. Dort wird minutiös erklärt, warum es für einen Anwender faktisch nicht möglich ist, das Ding zu bedienen. Wirklich sehr spannend ist aber der Fakt danach, dass die Firma sich der Kritik stellte und genau erklärte, wie und warum das Produkt so entwickelt wurde. Welche Interessen spielen bei der Entwicklung mit rein, welche Ansprüche stellen die Baumärkte, welche Abteilungen haben ihre Finger mit drin, obwohl sie sich gegenseitig nicht absprechen. Die Sparmaßnahmen an den Chips und an den Servern des Roboters wirkten sich verheerend auf die Handysteuerung aus, obwohl auf dem Papier dabei Geld eingespart wurde. Gerade diese Geschichte gibt einen faszinierenden Einblick in das deutsche Wirtschaftsleben und man erkennt, wie deutsch Ingenieure ticken.

Dem gegenüber stehen disruptive Angriffe aus dem Silicon Valley, wo ganz und gar nicht auf ein perfektes Endprodukt geachtet wird. Vielmehr richten sich die Augen darauf, dass man Rückmeldungen vom Endkunden mittels Datenerhebung erhält und die anfänglichen Fehler mittels Updates behebt. Es verwunderte mich schwer, dass wir in bestimmten Bereichen wirklich noch vorn in der Digitalisierung stehen, aber eben beim Thema der horizontalen Netzwerke schon fast abgeschlagen sind.

Neben den einzelnen Beispielen für die etwas misslungenen Produkte, brachte mich das Kapitel zur Unternehmensgründung in den USA und in Deutschland sehr zum Lachen. Schließlich machte ich leider schon die gleichen Erfahrungen und wer hier eine Firma gründet ist zumindest aktuell absolut dem Behördenwahnsinn ausgesetzt. Leider wurde nur von der Gründung erzählt und nicht vom folgendem Alltagsgeschäft, bei dem man von den Behörden ebenfalls sehr gegängelt werden kann.

Beim Themenbereich Wagniskapital wird es dann zahlenlastig. Wie viele Milliarden investiert Israel, welche Unsummen gehen in den USA über den Tisch und welche lächerliche Summen kann man als Start Up in der BRD akquirieren. Sicherlich spannend für Gründer, allerdings muss man hier das Buch auch etwas kritisch betrachten. So werden zum Beispiel die Gebrüder Samwer als „gute“ Wagniskapitalgeber lobend vom Autor erwähnt. Ich möchte mich allerdings nicht dazu äußern, sondern lade jeden gerne dazu ein, die einschlägigen Dokus über deren Werdegang auf Youtube oder anderen Videoplattformen anzuschauen. Alternativ darf man sich auch gerne auf jeder internationalen Konferenz über den Ruf der Herrschaften informieren. Ich hätte mir vom Autor an dieser Stelle eine tiefer greifende Recherche gewünscht.

Leider nicht tiefgründig genug!

Wer aus dem Business kommt, stellt an vielen Stellen fest, dass der Willen des Autors zwar gegeben ist, aber trotzdem blickt er nicht hinter den letzten Vorhang der Ereignisse. Nehmen wir zum Beispiel die Re:publica, welche als glorreiches Beispiel für die innovative Kraft in Berlin aufgezählt wird. Ich war zum Beispiel selbst auf der 2015er und 2016er Re:publica und gestehe, dass es durchaus Menschen aus dem Game dort gab, aber seien wir doch mal ehrlich, das betrifft vielleicht gerade ein Prozent der Besucher. Der große Rest ist geil auf Fame und hobelt sich vor der dicht aufgefahrenen Presse einen von der Palme. Das eine Prozent nickt sich maximal verstohlen zu. Man weiß ja, wo man sich demnächst wieder über den Weg läuft und offen reden kann, ohne ans kapitlistische Kreuz genagelt zu werden. Ganz nebenbei laufen exakt zur Zeit der Re:publica ebenfalls in Berlin ganz andere Veranstaltungen, bei denen es hart zur Sache geht und bei der man ganz weit entfernt vom Berliner Gehabe ist. Wer kann es überhaupt noch hören, wenn schon wieder einer um die Ecke kommt mit seinem Projekt, wenn er da wieder irgendwas am Laufen hat oder wenn er das nächste große Ding vorbereitet.  Es gibt diese eine feine Linie, die darüber entscheidet, ob man überhaupt mitspielen darf oder nicht und die konnte Keese leider nicht durchblicken oder überschreiten.

Das man vielleicht nicht gar so tief im Thema steckt und dies eventuell sogar weitreichende Folgen haben kann, wird beim Vergleich der Unternehmensgründungen recht deutlich. Einerseits zeigt Keese, dass man innerhalb kürzester Zeit eine .inc in Delaware vom deutschen Küchentisch aus gründen kann und zeigt dann die Probleme bei der Gründung einer deutschen juristischen Person auf. Dabei steht zwar der zeitliche Verlust im Vordergrund, aber es geht auch um das gute alte Stammkapital. Kritik hieran ist zwar auch meinerseits gewünscht, allerdings wird immer wieder erwähnt, dass man Kapitalgesellschaften hier ja auch mit einem Euro gründen könnte. Jeder Gründer sollte sich jedoch im Klaren darüber sein (das ist keine Rechtsberatung! ), dass man mit der Gründung den Euro praktisch verliert und faktisch laut Gesetz dazu gezwungen ist einen Konkurs anzumelden. Konkursverschleppung ist bei weitem kein Kavaliersdelikt und zieht empfindliche Strafen nach sich und weitere Gründungen kann man die nächsten Jahre dann auch vergessen.

Für mich bedeuten die angeführten Punkte bei denen der Autor aus meiner Sicht falsch liegt, dass ich jeden Hinweis oder Tipp, den ich aus dem Buch beziehen kann langwierig ein weiteres Mal auf Richtigkeit überprüfen muss. Ich möchte damit nicht sagen, dass ich keine Ideen bei der Lektüre bekam, aber es nervt phänomenal, wenn man noch nicht alle Seiten der Medaille kennt und erst jemanden finden muss, der echte Ahnung von der Materie hat und dann auch noch bereit ist, sein Wissen mit einem zu teilen.

Trotzdem bietet das Buch einen schönen Überblick über den Stand der Digitalisierung Deutschlands bis zum Jahr 2016. Aus der Sicht 2017 stört dann nur noch, dass Schulz, damals richtig, EU-Präsident war und Gabriel SPD-Chef. Wir wissen heute, wie die Geschichte weiterging und lesen darüber großzügig hinweg.

Wer sollte es lesen?

Jeder Gründer, jeder Firmeninhaber und jeder der in den nächsten Jahren die Selbstständigkeit anstrebt sollte sich das Buch durchlesen. Wer kurz vor der Rente ist, kann getrost auf die Lektüre verzichten und vielleicht ist es auch nichts für die wohlbehüteten Gemüter. Politisch aktive Menschen können aus diesem Buch heraus durchaus Begründungen für gewisse politische Strömungen ablesen. Linke Aktivisten werden aber gleichzeitig keinen Spaß am Buch haben. Es mag unfair sein, aber ich spreche ihnen an dieser Stelle einfach mal die wirtschaftliche Kompetenz ab. Betont sei, dass ich dabei keine Kritik am Sozialstaat übe, sondern es mir einzig und allein um eine zukunftsorientierte und konkurrenzfähige Wirtschaft geht. Das Buch ist eine Warnung und Mahnung an alle Entscheider.

Wo bekomme ich Silicon Germany her?

Man findet Silicon Germany in noch fast jeder Buchhandlung, man darf es sich aber auch gerne über folgenden Amazon-Link direkt nach Hause liefern lassen und wir bekommen dann auch noch ein paar Cent über den Amazon-Link.

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Ich selbst habe es zwar noch nicht ausprobiert, aber wer möchte, kann sich das Buch auch als Hörbuch bei Audible anhören. Dort kann man sich während des Probemonats ein kostenloses Hörbuch aussuchen und da wäre doch Silicon Germany ein wunderbarer Anfang 😉

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