Buchbesprechung im Artikel

Buchkritik: Das Kainsmal von Chuck Palahniuk

Der Autor Chuck Palahniuk dürfte den meisten Menschen ein Begriff sein. Nicht direkt durch seinen Namen, aber seit dem Hollywood Fightclub für sich entdeckte, gilt er bei vielen als Kultschriftsteller. 1962 geboren, träumte er eigentlich nie von etwas anderem, als Schreiberling zu werden. Palanhniuk lebt heute in Portland, Oregon.

Buchkritik Das Kainsmal

Buster Rant Casey war schon immer ein wenig anders. In seiner Kindheit aufgewachsen in Middleton verbrachte er seine Zeit damit sich von allerlei Tieren absichtlich beißen zu lassen. Schließlich kam es soweit, dass ihm Spinnen- und Schlangengifte nichts mehr anhaben konnten und auch ansonsten nahm er die Realität immer etwas anders wahr. Eines Tages geht Rant, was soviel wie kotzen bedeutet, in die Stadt und schließt sich dort einer Gruppe von Kids an, die sich des Nachts gegenseitig mit Autos jagen. Die Gesellschaft ist gespalten und Rant Casey wird für die einen zum Helden und Mhytos, für alle anderen ist er der Patient 0…

Das Buch besteht aus einzelnen kurzen Aussagen von Zeitzeugen, die in ihrer Gesamtheit eine fortlaufende Geschichte erzählen.  Diese Buchform mag nicht jedem liegen, aber spätestens seit „Ich knall Euch ab“ von Morton Rhue dürfte es eine große Anhängerschaft geben. Palahniuk selbst nennt diese Erzählform in seinem Vorwort Oral History. Der Leser kann dabei sehr ins Schleudern kommen, da mehr als 50 Personen sich äußern dürfen. Zum Ende des Buchs wird dieser Personenkreis nochmals um einiges komplizierter und vernetzt sich teilweise komplett neu.

Sehr interessant ist, dass Palahniuk den Leser nie in eine Lethargie des Lesens verfallen lässt. Andauernd wechselt der Schreibstil, Spannungsbögen werden zerstört, sobald sie auch nur ansatzweise aufgebaut wurden und ebenso wird mit Sympathien und Antipathien verfahren. Man findet keine richtige Bindung zum Buch und trotzdem lässt es sich sehr flüssig lesen.
Überhaupt startet das Buch nur recht langsam und kommt auch nur schwer in die Gänge. Im mittleren Teil geht es richtig zur Sache und Palahniuk beweißt, dass er eine gute Schreibe hat. Einzelne Abschnitte haben durchaus Kultcharakter und auch die kleinen Übergänge haben durchaus ihren Reiz. Gerade die Figur der Echo Lawrence scheint neben Rant mit Abstand die interessanteste Figur zu sein. In ihrer Beschreibung kommt der wahre Abgrund zum Vorschein, der sonst nur sehr gerne von Palahniuk weiter verfolgt worden wäre. Leider hat man weite Strecken des Buchs das Gefühl, er ahnt zwar, welche Scheiße er beschreiben will, aber er hat sie nie auch nur ansatzweise selbst erlebt. Echo Lawrence aber kommt dieser Vorstellung noch am nächsten.

Persönlich kam ich kurzentschlossen zu dem Buch durch eine Empfehlung meines Händlers. Ich war auf der Suche nach etwas im Stil von Hemmingway, Miller oder Bukowski und so gab ich Palahniuk eine Chance. Vielleicht werde ich in der Zukunft noch die eine oder andere Shortstory von ihm lesen, allerdings keine Romane mehr. Zwar hatte ich sicherlich auch herzhaft gelacht, als Rant in seiner Zeit eine Inflation auslöste, als er einen Gang für seine Mitschüler dekorierte und bei dem, was er mit seinen Ausscheidungen anstellte. Ich fraß das Buch bei der Begegnung von Rant und Echo oder ihrer Darstellung, aber dies ist für das gesamte Buch einfach nicht genug.

Wenn er über Tragik oder Komik oder Drama oder SiFi schreiben möchte, dann soll er dies auch tun, aber nicht in diesem Ausmaß und nicht in dieser Art. Das Buch wirkt am Ende so überladen und reißt dennoch jede Geschichte nur an. Es erscheint mir fast so, als hätte er einige gute Ideen zusammengeworfen und sich am Ende nicht für eine entscheiden können. Vielleicht wollte er einfach zu viel und im Ergebnis erreichte er fast gar nichts.

Zusammenfassend kann man Das Kainsmal durchaus als lesenswertes Buch empfehlen, aber sicher ist es kein Bestseller oder gar große Literatur. Der Perversion und dunklen Ansätze sind gegeben, aber man kann sie nur wie durch eine milchige Scheibe erkennen und so bleibt vieles im Unklaren, welches dem Leser nicht vorzuenthalten wäre. So unentschieden und unvollständig wie das Kainsmal selbst, möchte ich an dieser Stelle jedem selbst überlassen ob er sich diesen Roman zu Gemüte führt oder nicht…

Dieser Buchkritik lag folgende Ausgabe zu Grunde:
Palahniuk, Chuck (2009): Das Kainsmal. München, Goldmann Manhatten, 1. Auflage Taschenbuch
Übersetzung ins Deusche: Werner Schmitz
ISBN: 978-3-442-54271-0

Erschienen im englischen Orginal:
Palahniuk, Chuck (2007): Rant. New York, Doubleday a division of Random House, Inc.

Veröffentlicht von

Marc

Hi, ich bin der Marc und schreibe ab und zu fürs Literaturasyl. Ich lese gerne, mag die klassische Literatur und halte Bücher für den schönsten Wandschmuck. In letzter Zeit gibt es auch immer öfter ein Hörbuch. Egal ob Roman, Krimi, Thriller oder Sachbuch: wenn es gut geschrieben ist, finde ich es gut.

Ein Gedanke zu „Buchkritik: Das Kainsmal von Chuck Palahniuk“

  1. Hi,
    ich hab eben deinen Abriss zufällig gefunden und dachte, ich sag mal etwas dazu.
    Teilweise gebe ich Dir recht. Ich habe ähnliche Erlebnisse beim lesen gehabt, aber ich interpretiere sie anders.
    Das „Anreißen“ würde ich persönlich nicht als Unentschlossenheit des Autors sehen, sondern als Stilmittel der „Oral History“ zum Einen. Und zum Anderen als Aufforderung an den Leser, sich seine Dystopie selbst zuerarbeiten.
    Wieso sollten zb die Kids von der Entstehung ihrer Umwelt erzählen, in der sie aufgewachsen sind, wenn sie doch von Rant erzählen sollen? Ich würde bei der Beschreibung meiner Bekannten auch nicht unsere Gesellschaftsordnung komplett erläutern, wenn eine Entscheidung in dieser einen Einfluss auf die Geschichte hat.
    Will sagen: Würde Palahnihuk die Personen mehr erzählen lassen, würde sich die Dichte und Atmosphäre verlieren.
    Das führt aber eben auch zu der Inkonsistenz und Inkonsequentz in Teilen der Geschichte, mit denen auch ich nicht so wirklich froh werde. Deine Kritik ist sicherlich keine unberechtige, ich würde sie nur anders deuten.

    Nunja, ein Grund warum ich das hier nach mehr als nem Jahr kommentiere ist der:
    Bitte lies mehr von Palahniuk. Ich habe nun „Der Simulant“, „Flug 2039“ und „Die Kolonie“ in relativ kurzen Abständen (unterbrochen nur von „American Psycho“) gelesen und bin sehr angetan. Die anderen Romane sagen Dir viellicht mehr zu. Wobei „Die Kolonie“ eine Sammlung von Kurzgeschichten (teilweise sehr heftig) in einer Rahmenhandlung ist.
    Ich kanns Dir nur empfehlen mal zu probieren!!

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